Sonntag, 27. Juli 2014

Hinterstraße

Unglaublich trostlos: Blick von Süden in den Nordteil der Hinterstraße, im Vordergrund die Kreuzung mit der Bahnhofstraße.






Schlimmer geht es kaum: Nordteil der Hinterstraße, vorne rechts die Ruine der ehemaligen Schlachterei Samenfeld, dahinter das graue Parkhaus aus der Zeit um 1980.



Die Hinterstraße gehört zu den ältesten Straßen im Stadtkern von Diepholz. Sie zweigte als schmale Kopfsteinpflaster-Gasse neben dem heutigen Geschäfthaus Ahrens an der Langen Straße von dieser ab und führte östlich parallel der Langen Straße bis zur St.-Nicolai-Kirche, wo sie wieder in die Lange Straße einmündete. Die Hinterstraße wird 1612 erwähnt, wahrscheinlich ist sie aber älter. 1670 wird sie "Hinterplanke" genannt, weil sie zum Teil außerhalb der alten Plankenbefestigung im Burgmannsbezirk lag. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Hinterstraße mit historischer Bausubstanz dicht bebaut. Im Nordteil waren zuletzt die Kohlenhandlung Barmeyer mit ihrem großen alten Lagerhaus, sowie die Schlachtereien Otto (mit Ladengeschäft an der Langen Straße) und Samenfeld (Ecke Bahnhofstraße) besonders markant. Damals schlachteten die Fleischereigeschäfte noch fast alle selbst. Ebenso markant war das recht städtisch wirkende Geschäftshaus im Stil des Historismus aus der Zeit um 1900 bzw. des späten 19.Jahrhunderts, das gegenüber der Fleischerei Samenfeld lag (zuletzt Buchhandlung Günzel). Das Haus stand an der Kreuzung Bahnhofstraße/Hinterstraße und gehörte zur Bahnhofstraße. Der südliche Teil der Hinterstraße, d.h. südlich der Kreuzung mit der Bahnhofstraße, war von zahlreichen alten Ackerbürgerhäusern und einem Burgmannshof geprägt. Die Hinterstraße war insgesamt ein Inbegriff einer romantischen Altstadt.

Anfang der 1980er Jahre wurde mit dem Umbau der Langen Straße zur Fußgängerzone die Gasse Hinterstraße zur Umfahrung der Fußgängerzone verbreitert und asphaltiert, sowie die Verbindung zur Wellestraße geschaffen. Damit verbunden war ein unglaublicher Kahlschlag historischer Bausubstanz. Im Nordteil blieb bis auf die häßliche Ruine der Fleischerei Samenfeld nichts Altes erhalten, alles wurde restlos plattgemacht, und mit den gesichtslosen, grauen Neubauten der Langen Straße (Rückseite an der Hinterstraße) und dem Parkhaus bebaut. Der Bereich ist heute mit Abstand der häßlichste, trostloseste und unansehnlichste Bereich der Innenstadt. Aber auch der Südteil der Hinterstraße wurde plattgemacht. Allerdings  restaurierte man dort ein Fachwerkhausensemle bestehend aus drei Gebäuden und baute den Burgmannshof neu auf. Horst Schöttler schrieb 1980: "[...] Warum der bauliche Kahlschlag in der südlichen Hinterstraße, wo die alten Fachwerkhäuser gleich reihenweise Parkplätzen weichen mußten und der unter Denkmalschutz stehende Bau auf dem Grund eines Burgmannssitzes noch 1979 abgebrochen wurde, um durch einen epigonenhaften, aber profitableren Fachwerkbau ersetzt zu werden, der nur noch Fachwerkkulisse ist? [...]" (Zit. aus "Schöttler, Schöne Grüße aus Diepholz")

Die Kreuzung der Hinterstraße mit der Bahnhofstraße ist heute verkehrstechnisch ein Nadelöhr. Seit dem Bau des Bahnhofstunnels geht ein Großteil des Verkehrs aus Diepholz-Ost über die Bahnhofstraße. An ihrer Einmündung in die Lange Straße kommt der Verkehr aus der Hinterstraße-Nord (Umfahrung der Fußgängerzone) hinzu, und alles wälzt sich auf die behindernde Aufpflasterung der Langen Straße. Werktags in den Geschäftszeiten ist der Verkehr an der Ecke Hinterstraße/Bahnhofstraße unerträglich.





Im Südteil der Hinterstraße wurde in den 1980er Jahren ein Fachwerkhausensemble restauriert, doch nur das mittlere der drei Häuser ist ein restauriertes Originalgebäude, die beiden anderen wurden neu aufgebaut, was ihre etwas kulissenartige Wirkung erklärt.





Das Fachwerkhausensemble in die Gegenrichtung (Blickrichtung Norden) gesehen.





Der in den 1980er Jahren anstelle eines alten Burgmannshofes (zuletzt "Blumen König") neu errichtete Burgmannshof.





Der an der Hinterstraße liegende Hinterhof der evangelischen St.-Nicolai-Kirche (frühes 19. Jahrh.). Links im Bild die ehemalige Schule (heute Gemeindehaus).





Sonntag, 6. Juli 2014

Pommernstraße

Die Pommernstraße in Richtung Osten (Richtung Heldenhain) gesehen. Rechts im Bild die hohen Bäume des ehemaligen Judenfriedhofs (heute Gedenkstätte)





Drei Einfamilienhäuser aus der Nachkriegszeit, die später modern überbaut wurden.





Eines von zwei Häusern im "Heimatschutzstil" der Nachkriegszeit, deren ursprünglicher Baustil noch sehr gut erhalten ist. Das Haus verbirgt sich hinter einem prachtvollen, naturnahen Garten. Der von der Pommernstraße abzweigende Stichweg (Privatweg Pommernstraße 5a,b,c) rechts unten im Bild, führt unmittelbar entlang des Judenfriedhof und hieß bis weit in die 1950er Jahre "Am Tannenbergplatz". Die Abzweigung davon am Hausgiebel ist Privatgrundstück.





Das oben erwähnte Privatgrundstück mit dem prachtvollen Garten. Kaum zu glauben, daß er aus einem Gemüsegarten zur Selbstversorgung der 50er Jahre hervorgegangen ist.



Die Pommernstraße wurde erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Ende der 1940er Jahre als Verbindungsweg von der Ovelgönne (damals B 69) in Verlängerung der Straße "Am Heldenhain" nach Westen zu den Lagerschuppen des Tiefbauunternehmens und Betonwerks Niemeier zunächst als unbefestigter Weg angelegt. Wichtigstes historisches Objekt ist dort der ehemalige Judenfriedhof, der schon auf der Karte von 1773 verzeichnet ist. Vor dem Bau der Pommernstraße war er über einen Weg zu erreichen, der ungefähr der heutigen Ostpreußenstraße und einem Teil der Schlesierstraße entsprach. In der NS-Zeit wurde der Judenfriedhof auf Veranlassung Diepholzer Nationalsozialisten geschändet, die Grabsteine zertrümmert und zum Straßenbau verwendet. Es ist unglaublich: 1953 wurde der Judenfriedhof und sein Umfeld dann "Tannenbergplatz" genannt (Quelle: Gerke, Diepholz - Eine Kreisstadt im Wandel der Zeiten). In der "Schlacht bei Tannenberg" (Ostpreußen) hatte während des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 die deutsche Armee unter Hindenburg und Ludendorff die Russen besiegt. Die Hindenburg-Verehrung in Deutschland in der Folge der gewonnenen Schlacht wurde später Teil einer historischen Entwicklung, die letztlich in den Holocaust führte. Wenige Jahre später, nachdem im Lauf der 50er Jahre die Gedenkstätte Judenfriedhof gestaltet worden war, wurde der Name "Tannenbergplatz" zurückgenommen. Der schmale Weg "Am Tannenbergplatz", der als Privatweg von der Pommernstraße abzweigt heißt seit 1963 ebenfalls "Pommernstraße". 

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war vor allem wegen dem Zuzug der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten der Bedarf an Wohnungen und Baugrundstücken sehr groß. So wurde schnell umfangreiches und preiswertes Bauland zur Verfügung gestellt. Im Bereich der Pommernstraße war es vor allem die evangelische Kirche, die Bauland in Erbpacht zur Verfügung stellte. Gebaut wurden Siedlungshäuser mit recht großen Gemüsegärten zur Selbstversorgung im sogenannten Heimatschutzstil nach dem Baumuster der Kleinsiedlungen der NS-Zeit, noch in den 50er Jahren ohne befestigte Straßen und ohne Kanalisation. Diese folgten in der Pommernstraße erst Anfang der 1960er Jahre. Mittlerweile sind die Grundstücke und Häuser alle an die Bewohner verkauft, die Gebäude modernisiert und zum größten Teil so weit verändert, daß ihr ursprünglicher Baustil nur noch schwer zu erkennen ist.  

In den 1980er oder 90er Jahren wurde wegen des stark zunehmenden Verkehrs in Folge des Baus des Schulzentrums an der Schlesierstraße die Pommernstraße zur Sackgasse gemacht, indem die Verbindung zur Ovelgönne geschlossen wurde. Dieses bedeutete eine erhebliche Entlastung der Bewohner. Anfang des 21. Jahrhunderts verschwand auch das Betonwerk Niemeier. Es wurde dem Erdboden gleichgemacht und an seiner Stelle ein großer Edeka-Supermarkt erbaut. 

Im Jahre 1994 wurden bei Straßenbauarbeiten an der Lüderstraße Bruckstücke der von den den Nazis zertrümmerten jüdischen Grabsteine gefunden. Unter Verwendung dieser Bruchstücke entstand 1997 das neue Mahnmal. Heute (2014) wirkt die Gedenkstätte auf dem ehemaligen Judenfriedhof vernachlässigt und ungepflegt. Außer regelmäßigem Rasenmähen wird offenbar nichts mehr gemacht. Das neue Mahnmal konnte ich nicht komplett fotografieren weil dort immer noch das vertrocknete Grüngesteck vom vergangenen November lag. Die Plexiglas-Schrifttafel am Tor ist kaum noch lesbar. Das Unkraut in den Fugen des Weges und des vorbeiführenden Bürgersteiges wurde nicht mehr beseitigt.  




Das Tor zur Gedenkstätte auf dem ehemaligen Judenfriedhof





Hinweistafel am Tor zur Gedenkstätte





Das neue Denkmal von 1997





Der alte Gedenkstein aus den 1950er Jahren