Samstag, 2. Juni 2012

Willenberg



Blick in die Straße  "Willenberg" an der Abzweigung Postdamm. Rechts an der unbeklebten Litfaßsäule befindet sich das ehemalige "Hiltlerjugendheim" (später Jugendherberge, heute "Lebenshilfe") Dabei handelt es sich um ein historisches, denkmalschutzwürdiges Gebäude. Es wurde in den 1930er Jahren im  sogenannten "Heimatschutzstil"erbaut, der zwar keine Erfindung der Nazis war, aber optimal in deren "Blut-und-Boden-Ideologie" paßte und deshalb etsprechend angewendet wurde. Das Gebäude ist insofern ein historisches Dokument. Leider wurde es in jüngerer Zeit stark verbaut, so daß sein ursprünglicher Stil nur noch schwer zu erkennen ist.     


Derselbe Bereich des Willenberg aus der Gegenrichtung gesehen. Das ehemalige "Hitlerjugendheim" befindet sich auf diesem Bild auf der linken Seite vorne. Dieses Bild belegt, daß noch heute der Bereich als Kern eines ehemaligen eigenständigen Flecken erkennbar ist. Hier könnte man nach dem Vorbild des Kohlhöfen sanieren und den Bereich damit deutlich aufwerten, so daß der Willenberg zu einer kleinen, sehenswerten "Nebenaltstadt" wird. Das Fachwerkhaus vorne rechts war früher die Schule des Flecken Willenberg.  


An der Einmündung des Willenberg in die Lüderstraße im Bereich des Pohl sind restaurierte Fachwerkhäuser vorhanden.



Zu den tristen und sanierungsbedürftigen Vierteln der Stadt Diepholz gehört auch der Willenberg und seine Umgebung. Ursprünglich war der "Flecken Willenberg" eine selbstständige, aus den Häusern entlang der gleichnamigen Straße bestehenden Ortschaft. Sie ist im Mittelalter außerhalb der Stadtbefestigung als Zubehör zum Wirtschaftshof der Burg entstanden. Im Gegensatz zur Stadt Diepholz hatten die Willenberger im Mittelalter keine Bürgerrechte. Erst im Jahre 1834 wurde Willenberg in die Stadt Diepholz (damals Flecken Diepholz) eingemeindet.

Die Straße "Willenberg" verläuft von der Maschstraße um die Innenstadt herum bis zum Pohl. Früher war sie der Fernweg von und nach Osnabrück. Einen  Zugang zur Stadt von Süden her gab es ursprünglich nicht; Diepholz und Willenberg waren dort durch das Feuchtgebiet der Lohne voneinander getrennt. Der Verkehr lief über den Pohl und durch das Stadttor an der Steinstraße (Willenberger Pforte). Erst im Jahre 1798 wurde im Zuge des Baus der "Neuen Holländischen Poststraße" mit dem "Postdamm" und der Vorwerksbrücke über die Lohne eine direkte Verbindung von Süden zur Innenstadt hergestellt, über die fortan bis zum Bau der Umgehungsstraße Ende der 1960er Jahre der Fernverkehr lief. Am Willenberg nördlich der Abzweigung des Postdamm sind noch einige alte Häuser aus dem späten 18. Jahrhundet erhalten, teils restauriert und teils mit Putz oder Klinker überbaut.

Die Geschichte des Willenberg und die vorhandene Bausubstanz bieten eine Sanierung gewissermaßen als eine kleine, sehenswerte "zweite Altstadt" etwa nach dem Vorbild des Kohlhöfen an. Hinsichtlich des Bereichs des Willenberg in der Nähe des Pohls gibt es tatsächlich schon eine Planung. Hier sollen mehrere Altbauten abgerissen, und der Willenberg zum Müntepark geöffnet werden, sicher keine schlechte Idee, aber auch schade um die alten Häuser. Man darf gespannt sein, ob und wann diese Planung umgesetzt wird. 




Diese leerstehenden und verfallenden sehr alten Wohnhäuser im nördlichen Bereich des Willenberg werden voraussichtlich abgerissen um den Willenberg zum Müntepark zu öffnen.


Der Willenberg südlich der Abzweigung des Postdamm ist hingegen unglaublich trist und kaum sanierbar. Bis auf sehr wenige unansehnlich wirkende Altbauten wurden alle Häuser neu gebaut, und diese Neubauten sind an Tristesse nicht zu überbieten. Es ist wohl einer der unansehnlichsten und häßlichsten Bereiche von ganz Diepholz. Eine Sanierung wird hier nur schwer oder gar nicht möglich sein, außer ein Haus nach dem anderen (vor allem die "Moderneren") niederzureißen und dort etwas ganz Neues, einigermaßen Ästhetisches hinzubauen.  



Der südliche Willenberg von der ehemaligen Tankstelle an der Ecke Moorstraße aus gesehen: Schlimmer geht es kaum.



Blick in den südlichen Willenberg von Süden her. Früher war dies die Bundesstraße 51. Am rechten Bildrand befindet sich eines der ganz wenigen übrig gebliebenen alten Häuser. Dort, wo das große Schild steht, befand sich früher die BMW-Autowerkstatt Spiering. Heute ist dort - wie kann's in Diepholz auch anders sein - ein großer Billig-Discounter der untersten Qualität. Hinter der Häuserzeile lag das alte Feuchtgebiet der Lohnewiesen, ein Naturreservat. Dieses wurde als neues Luxus-Eigenheim-Baugebiet erschlossen.



Diese vor wenigen Jahren geschlossene Drogerie am südlichen Willenberg war die älteste Drogerie von Diepholz. Sie bestand durchgehend und fast unverändert seit dem Jahr 1950.


Direkt an der Westseite des Willenberg befindet sich die Siedlung um die Moorstraße, die in den 1950er bis 60er Jahren für die Soldaten und Bediensteten des Fliegerhorst und ihrer Familien errichtet wurde. Die ersten Häuser wurden schon während der NS-Zeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit noch im sogenannten "Heimatschutzstil" erbaut. Daran anschießend entstanden dann damals für sehr modern gehaltene, mehrstöckige Wohnblocks. Ab den 1980er Jahren änderte sich dort jedoch die Bevölkerungsstruktur dramatisch. Der Wohnungsbedarf der Soldaten nahm durch Eigenheimbau und Verkleinerungen der Bundeswehreinheiten drastisch ab. Das Stadtviertel wurde dadurch zu einem Wohnort für Menschen mit sehr geringem Einkommen, Einwanderer und Einwohner mit Migrationshintergrund. Die Folge waren ensprechende soziale Probleme. Um einer weiteren Ghettobildung entgegenzuwirken, hat die Stadt Diepholz nun das Sanierungsprogramm "Soziale Stadt" aufgelegt . Am 23. Mai 2012 verkündete das "Diepholzer Wochenblatt": "[...] Die Stadt Diepholz möchte einige Häuser abreißen und durch andere ersetzen oder einige der Flächen auch anders nutzen. [...] Auf rund zehn Jahre ist das Projekt angelegt [...] Die dabei anfallenden Kosten schätzt die Stadt auf drei Millionen Euro, wobei ein Drittel aus eigenen Mitteln getragen werden muß, den Rest, hofft man, aus Zuschüssen von Bund und Land finanzieren zu können. [...] 'Wir wollen das Gebiet durch neue Angebote auch für andere Zielgruppen öffnen als bislang', sagt Georg Korte. Selbstverständlich wolle man niemanden aus diesem Gebiet verdrängen [...] Den Stadtteil für heutige Bewohnergruppen aufwerten und zugleich für neue Bewohnergruppen interessant machen - so lautet eine der Zielsetzungen." [ Zit. aus Diepholzer Wochenblatt] Das klingt alles recht gut und fortschrittlich. Ob es ausreichend Zuschüsse gibt, wird wohl davon abhängen, wie sozial die künftige Landes- und Bundesregierung sein wird. Eine Bewertung des Projektes wird frühestens in ein paar Jahren möglich sein. Ich wünsche dafür jedenfalls gutes Gelingen und das Beste. 




Auf dieser alten Postkarte aus den 1960er Jahren wird stolz die damalige Modernität des Stadtviertels im Bereich der Moorstraße gezeigt. Auf dem Bildchen rechts unten ist die oben erwähnte Jugendherberge (ehem. Hitlerjugendheim) zu sehen, die damals noch in fast völlig unveräntertem Originalzustand erhalten war.



Die Moorstaße im Jahre 2012: bunt, aber keine "gute Wohngegend"







Weitere Impression aus der Moorstraße




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